Brügge, Flandern, Janett Schindler

Mit dem Fahrrad durch das historische Brügge

von Janett Schindler

Brügge. Die Hauptstadt von Westflandern und einst Zentrum der Macht. Als Hafen- und Handelsstadt machte sich “Brugge” im Mittelalter einen Namen und erarbeitete innerhalb kurzer Zeit einen großen Reichtum. Auch heute noch ist dieser in der Stadt zu sehen. Vor allem Kirchen waren in der damaligen Zeit ein wichtiges Zeichen für Wohlstand – wohl auch ein Grund, warum in Brügge rund 30 Kirchen erbaut wurden. Auch der Belfried und das Rathaus sowie eine Vielzahl von Häusern aus dem späten Mittelalter zeugen von der erfolgreichen Geschichte der Stadt.

Nicht alle Sehenswürdigkeiten und Kirchen befinden sich direkt im Stadtkern von Brügge

Eine praktische Möglichkeit, um in kurzer Zeit eine Vielzahl von Sehenswürdigkeiten von Brügge zu entdecken, ist eine Tour mit dem Fahrrad.

Meine Tour startete in einer ruhigen Seitenstraße bei Quasimundo Bike Tours – einem der bekanntesten Radtour Unternehmen in Brügge. Der Guide Jos Teughels lebt selbst in Brügge und entführt uns in gut 2 ½ Stunden in ein ganz besonderes Brügge abseits der Touristenströme. Die Tour ist in leicht verständlichem Englisch und auch mit dem gefürchteten Kopfsteinpflaster habe ich an diesem Tag und dem guten Fahrrad keine Probleme.

© Janett Schindler

Auch meine Angst, die Gruppe aus den Augen zu verlieren, bewahrheitet sich nicht. Mit regelmäßigen Stopps hält Jos uns immer beisammen und gibt uns einen spannenden Einblick in die Architektur und die “kleinen Kniffe und Tricks” der damaligen Architekten. So haben einige Häuser in Brügge zwar eine prunkvolle Frontansicht, dahinter ist jedoch manchmal ein einfaches Spitzdach oder Fensterfronten die zu keinem Raum führen.

Mit der St. Walburga Kirche entdecken wir das erste Gotteshaus.

© Janett Schindler

Die römisch-katholische Kirche aus dem 17. Jahrhundert wurde von den Jesuiten im Barockstil erbaut. Auch heute noch wird sie aktiv genutzt und lohnt sich vor allem für Kunstliebhaber.

Etwas später zeigt uns Jos das Godshuis St. Josef. Was für ein besonderer und vor allem wenig überlaufener Ort mitten im Zentrum von Brügge. Auch hier gibt es eine kleine Kapelle – mich jedoch hat der Garten im Inneren der Wohnanlage verzaubert, und auch die Geschichte darüber, wie diese tollen Wohnungen geschützt werden, ist ziemlich spannend.

Kurz vor dem Rathaus von Brügge müssen wir absteigen.

Zu viele Menschen sind am Rathaus unterwegs – Jos will uns jedoch die besonderen Sehenswürdigkeiten im Stadtzentrum nicht vorenthalten. “Zwischen 10 und 17 Uhr kann es hier im Zentrum mal etwas voller werden” erklärt er uns. Wir finden jedoch einen Platz und erfahren einiges über das “STADTHUIS” von Brügge. Gebaut wurde es von 1376-1420. Aber auch in den letzten 600 Jahren gab es hier einige turbulente Zeiten.

© Janett Schindler

Unsere Tour mit dem Fahrrad geht weiter. Kurz machen wir Halt in einem kleinen Garten unweit des Gruuthusemuseums. Hier haben wir einen tollen Blick auf das große Herrenhaus und die Liebfrauenkirche. Dort übrigens steht eine Madonnenfigur von Michelangelo. Wohl auch deshalb ist das Kirchenhaus sehr beliebt für Touristen in Brügge.

© Janett Schindler

Übrigens: Unweit des Gruuthusemuseums gibt es eine steinerne Brücke. Vielen Touristen wird diese Brücke als die älteste der Stadt verkauft – dementsprechend hoch ist der Andrang. Wir jedoch erfahren, dass früher zahlreiche Brücken der Stadt aus Holz gebaut wurden – besonders alt kann die Brücke also nicht sein.

Auch auf dem Weg zu unserem nächsten Stop müssen wir immer mal wieder absteigen.

 Der Beginenhof ist eine der wichtigsten Attraktionen der Stadt.

Während vor den Toren des Hofes zahlreiche Touristen mit Kutschen abgeholt werden oder mit ihren Selfie Sticks das beste Foto erhaschen wollen, bittet uns Jos um einen Besuch im Beginenhof. Nur 10 Meter hinter den Toren wird es plötzlich still. Bäume rascheln, eine Nonne hastet über den Platz und ich würde hier gerne länger verweilen.

Vor dem Beginenhof in Brügge, © Janett Schindler

Fotos sind im Innenbereich des Begijnhof nicht erwünscht. Im Zeitalter von schnellen Fotos wirkt der Verzicht wie eine kleine Auszeit von der Wirklichkeit.

Wir verlassen die trubelige Innenstadt und fahren am Kanal weiter. Hier ist kaum jemand unterwegs und so können wir auf dem Weg zu unserem nächsten Ziel ein wenig Zeit aufholen.

© Janett Schindler

Flandern – oder doch Holland, oder gar England?

Jos zeigt uns drei Windmühlen die ebenfalls schon ewig Teil des Stadtbildes von Brügge sind. Schon seit dem 13ten Jahrhundert wird hier Mehl gemahlen und eine dieser Windmühlen kann auch heute noch besichtigt werden. Ich jedoch höre auf, als unser Guide von “Little England” erzählt. In dem Stadtteil unweit der Windmühlen sieht es mancherorts tatsächlich wie im Land der Queen aus. Unsere Tour ist fast vorbei – ich habe unglaublich viele Ideen für meine nächste Touren in Brügge gesammelt. Vielleicht begleitet ihr mich dann ja wieder – auf einer Zeitreise?

Mehr Infos zur Stadttour mit dem Fahrrad findet ihr hier.

Antwerpen, Flämische Meister, Flandern, Kirsten Lehnert, Kultur

Madonna trifft Tolle Grete – Zu Besuch bei zwei ungewöhnlichen Frauen

Bei meinem letzten Besuch in Antwerpen hatte ich eine besondere Begegnung mit zwei wundervollen Frauen. Die eine war länger weg, hat sich etwas aufhübschen lassen und strahlt jetzt richtig. Die andere war vorher noch nie hier, ist zwar mehr als 500 Jahre alt, aber so was von zeitlos! Die Rede ist von Grete und Madonna. Ich traf sie inmitten von dunkel vertäfelten Räumen mit wunderschönen Ledertapeten.

Eindrucksvoll präsentiert: die Sammlung im Museum Mayer van den Bergh in Antwerpen

Es handelt sich um zwei herausragende Kunstwerke, die gerade in der Ausstellung  „Madonna trifft Tolle Grete“ im Museum Mayer van den Bergh in Antwerpen gezeigt werden: die legendäre „Dulle Griet“ (tolle Grete), eines der berühmtesten Werke von Pieter Bruegel d.Ä. (1525-69), und die geheimnisumwitterte Madonna vom französischen Hofmaler Jean Fouquet (1420–71). Unterschiedlicher können zwei Bilder und Frauen wohl nicht sein.

Die Eine: ländlich, lustig, etwa skurril, in einer Umgebung voller kurioser Gestalten. Das Gemälde – wie so oft bei Bruegel ein wahres Wimmelbild – war früher als eher düstere, groteske Landschaft mit einem dunkelroten Himmel und vielen Brauntönen bekannt. Nach zweijähriger Restaurierung kann man das Meisterwerk seit Anfang des Jahres wieder an seinem angestammten Patz hier im Museum bestaunen. Wer es früher schon mal gesehen hat, wird sich wundern: Es sieht es jetzt viel frischer aus, Firnisschichten und spätere Übermalungen wurden entfernt, und nun strahlt das Bild wieder in seiner ursprünglichen Farbenpracht. Absolut sehenswert!

Eines der Highlights der Sammlung: die „Dulle Griet“ von Pieter Bruegel (c) Museum Mayer van den Bergh Antwerpen

Ihrer Zeit voraus

Die Andere ist hier nur bis zum 31. Dezember 2020 zu Gast: die berühmte „Madonna von Melun“, eine Tafel aus einem Diptychon aus dem 15. Jahrhundert. Der Maler Jean Fouquet gilt als einer der bedeutendsten Künstler an der Schwelle von der Spätgotik zur Frührenaissance und hat ein faszinierendes Bild geschaffen: Mit ihrer elfenbeinfarbenen, fast marmornen Haut wirkt die Madonna wie eine Skulptur. Die gespitzten roten Lippen, die kugelige, entblößte Brust und der Hintergrund aus blauen und roten Engeln erscheinen dabei unglaublich modern. Dass diese Madonna mehr als 500 Jahre alt ist (und damit noch älter als die dolle Grete), sieht man ihr wahrlich nicht an. Zeitlos modern oder einfach seiner Zeit voraus?  Durs Grünbein sprach in der „ZEIT“ in Zusammenhang mit dem Bild einmal von einem „Meisterwerk des gotischen Surrealismus“ – wie passend!

Jean Fouquet, Madonna von Melun (c) KMSKA, Lukas-Art in Flanders vzw, Foto Hugo Maertens

Der Entdecker der Tollen Grete

So unterschiedlich die beiden Damen sind, so verbindet sie doch etwas Besonderes: Beide sind Prachtstücke aus privaten Sammlungen, die in dieser Ausstellung gemeinsam präsentiert werden. Fritz Mayer van den Bergh (1858–1901) war Ende des 19. Jahrhunderts der größte Kunstsammler der Stadt und seiner Zeit weit voraus. Er sammelte bereits mittelalterliche Kunst der Niederlande und die Kunst der Renaissance, als diese noch ein Schattendasein fristeten. Besonderes Interesse hatte er an Pieter Bruegel d. Ä. Er gilt als Entdecker der „Tollen Grete“ und konnte auch das Werk „Zwölf Flämische Sprichwörter“ von Pieter Bruegel erwerben.

Jozef Janssens, Portrait von Fritz Mayer van den Bergh, 1901, Museum Mayer van den Bergh

Drei Jahre nach seinem frühen Tod mit nur 43 Jahren verwirklichte seine Mutter seinen Traum vom eigenen Museum. Heute ist das Museum Mayer van den Bergh eines der ältesten Museen der Welt, die speziell für eine einzige Sammlung errichtet wurden. Von außen ist das würdevolle, neogotische Gebäude eher unscheinbar, so dass es mir bei meinen letzten Besuchen nie aufgefallen ist. Zu Unrecht, denn das Museum entpuppt sich im Inneren als wahre Schatztruhe, ein Kunstwerk an sich mit den prächtigen Holzvertäfelungen und den bunten Bleiglasfenstern. Man braucht schon ein paar Stunden, wenn man sich alle oft so liebevoll ausgestatten Räume in Ruhe anschauen will.

Fritz und Florent

Ein weiterer ebenso leidenschaftlicher Sammler war Florent van Ertborn (1784–1840). Seine Sammlung, zu der auch die Madonna von Fouquet zählt, ist heute im Besitz des Museums der Schönen Künste Antwerpen, das gerade wegen Renovierungsarbeiten geschlossen ist. Umso schöner, dass hier nun erstmals seit Jahren wieder einige Meisterwerke aus seiner Sammlung gezeigt werden. In der Ausstellung begegnet man also auch nicht nur den beiden eindrucksvollen Frauen, sondern auch diversen anderen Sammlerstücken. Und vor allem lernt man die beiden Männer kennen, denen wir es zu verdanken haben, dass wir Grete und Madonna auch heute noch bewundern können.

Flandern, Leuven, Meike Nordmeyer

Wissensdurst in der Bierstadt – die Universität in Leuven

von Meike Nordmeyer

Ein Palast für die wissenschaftlichen Bücher – die Bibliothek der Universität in Leuven (oder auch Löwen) macht wirklich was her. Das prächtige Gebäude im flämischen Renaissance-Stil mit Giebeln, Gauben und Statuen erhält durch den 87 Meter hohen Glockenturm zusätzliche Bedeutung. Es thront wirkungsvoll am östlichen Rand des Monseigneur Ladeuzeplein, einem weiten, leeren Platz. Ich staune, während mir Luc Philippe, mein Guide für meine Fahrradtour durch Leuven, an diesem Platz von der langen und wechselvollen Geschichte der Universität in dieser Stadt und insbesondere von diesem Bibliotheksgebäude erzählt.

Die Geschichte der Universität in der flämischen Stadt reicht weit zurück. Im Jahr 1425 wurde die Universität auf Bitten des Herzogs Johann IV. vom Papst Martin V. gegründet. Diese Tradition besteht in der heutigen Katholischen Universität Leuven fort, das macht sie zur ältesten der noch bestehenden katholischen Universitäten der Welt, so verkündet es stolz eine Broschüre des Stadtmarketings. Heute nennt sie sich Associatie KU Leuven, denn sie besteht als ein Zusammenschluss von fünf Hochschulen und einer Universität. Insgesamt sind rund 103.000 Studierende eingeschrieben.

Beeindruckende Architektur

Trotz dieser langen Geschichte stammt das Gebäude der Bibliothek nicht aus der Gründungszeit, wie man bei seinem Anblick meinen könnte. Es wurde ab 1921 nach Plänen des amerikanischen Architekten Whitney Warren im historisierenden Stil nach Art der flämischen Renaissance gebaut und dabei auch als Kriegsmahnmal ausgestattet. Der Hintergrund dafür: Die deutschen Truppen, die im August 1914 in Leuven einfielen, setzten die damalige Universitätshalle an der Naamsestraat und die jahrhundertealte Bibliothek sowie weite Teile der Stadt in Brand. Mehr als 300.000 Bücher gingen damals verloren. Die Empörung über diese Zerstörung war groß, nicht nur in Belgien.

Noch während des Krieges sammelten Unterstützungskomitees in den verbündeten und neutralen Ländern Geld und Bücher für den Wiederaufbau der Universitätsbibliothek. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde vor allem mit amerikanischer Unterstützung das große Gebäude am Ladeuzeplein als neue Bibliothek errichtet.

Zur Universitätsbibliothek von Leuven gehört dieser fein ausgestaltete Lesesaal. © Meike Nordmeyer

Seine Fassade wurde mit zahlreichen Bildhauerarbeiten ausgestattet und diese erinnern an die Kriegszeiten, an den Brand 1914 und ebenso an die Solidarität der Verbündeten in dieser Zeit und an ihre Hilfe beim Wiederaufbau. Ein triumphierender Charakter wurde dabei durchaus mit angelegt, wenn etwa die große mit Helm und Rüstung ausgestattete Madonnafigur den preußischen Adler mit ihrem Schwert durchbohrt. 1921 war die Grundsteinlegung, 1928 wurde die Bibliothek neu eröffnet. Doch wenige Jahre später wütete wieder ein Krieg. Während des Einfalls der deutschen Armee im Mai 1940 ging das Gebäude erneut größtenteils in Flammen auf. Die Schäden waren diesmal noch verheerender, 900.000 Bücher wurden ein Opfer des Feuers. Nach dem Wiederaufbau konnte die Bibliothek erst 1951 wieder bezogen werden.

Heute steht das Bauwerk stolz und prächtig da und mahnt an die grauenhafte Zerstörung von zwei Weltkriegen. Der Gebäudekomplex kann besichtigt werden und das lohnt sich, denn dazu gehört ein Einblick in den schmucken Großen Lesesaal, und mit einem zusätzlichen Ticket ist auch der Aufstieg auf den Turm möglich, von dem sich ein hervorragender Blick über die Stadt bietet.

Vom Turm der Universitätsbibliothek bietet sich ein hervorragender Blick über die Dächer von Leuven.
© Meike Nordmeyer

Eine Bibliothek mit Aussicht

Einen Aufzug gibt es im Turm übrigens nicht, da müssen die vielen Stufen hinauf schon tapfer erklommen werden. In den kleinen Räumen auf jeder Etage im Turm ist etappenweise eine Ausstellung zu den Kriegszeiten, zu Zerstörung und Wiederaufbau des Gebäudes eingerichtet, viele historische Fotos und Dokumente sind dazu abgebildet. Diese interessanten Infotafeln bieten eine gute Gelegenheit, sich auf jeder Etage vom Treppensteigen etwas auszuruhen und zu lesen. Und so kommt man gut informiert immer weiter nach oben. Dort gibt es dann den weiten Blick über die Dächer der Stadt zu genießen. Gut zu sehen sind von dort auch die schlanken, reich verzierten Türmchen des gotischen Rathauses und die Sint Pieterskerk am Grote Markt.

Natürlich gibt es noch viel mehr zu sehen von der KU Leuven, denn die Gebäude der zugehörigen Hochschulen und Universitäten sind über die ganze Stadt verteilt. Luc radelt schon bald mit mir weiter, um mir einen Eindruck davon zu geben. Dabei fahren wir auch in Stadtteile, die herrlich im Grünen liegen. Da stehen wir auf einmal in einer parkähnlichen Anlage und schauen auf Schloss Arenberg, das sich auf einer weiten Rasenfläche präsentiert. Das Gebäude aus dem 16. Jahrhundert ist auch ein Teil der Universität.

Das Schloss Arenberg

Die Domäne Arenberg wurde mitsamt dem Schloss im 17. Jahrhundert Eigentum der Herzöge von Arenberg, einer deutschen Familie, die Kunst und Wissenschaft vielfach förderte. 1916 schenkte sie das Schloss zusammen mit dem 29 ha großen Park der KU Leuven. Das schmucke Gebäude beherbergt heute die Fakultät Ingenieurswissenschaften und ist der Mittelpunkt eines grünen Campus‘ für die Wissenschaft & Technologie-Gruppe. Dazu gehört beispielsweise auch das Imec, das größte europäische Forschungszentrum im Bereich der Nanoelektronik und der Nanotechnologie.

Schloss Arenberg gehört auch zur Universität von Leuven.
© Meike Nordmeyer

Alte Gebäude und moderne Wissenschaft also, eine bewährte Kombi. Und was zu einer Uni-Stadt natürlich auch gehört, sind reichlich Kneipen – auch da erweist sich die Stadt als rekordverdächtig. Leuven gilt als Hauptstadt der Bierregion Flämisch-Brabant. Die größte Brauereigruppe der Welt, Anheuser-Busch InBev, hat dort ihren Hauptsitz. Sie produziert auch das international bekannte, einst in Leuven kreierte Stella-Artois-Bier. Passend dazu gibt es in Leuven eine besonders hohe Anzahl an Kneipen, in denen das süffige Getränk ausgeschenkt wird. Bei schönem Wetter, das zum Draußensitzen einlädt, wirkt der von alten Giebelhäusern gesäumte Oude Markt wie eine einzige riesige Terrasse. Denn er ist von mehr als 40 Kneipen umgeben, deren Gäste sich dort zusammenfinden.

„Die längste Theke Europas“

So kommt es auch, dass dieser Platz als „die längste Theke Europas“ bezeichnet wird. Moment mal, das kommt mir doch als Besucherin aus Nordrhein-Westfalen sehr bekannt vor. Auf meinen Hinweis, dass die Stadt Düsseldorf für sich reklamiere, die längste Theke der Welt zu sein, ist man vorbereitet. Luc nickt und grinst: „Ja, davon haben wir natürlich schon gehört. Da befinden wir uns doch in guter Gesellschaft“, sagt er, während wir zum Ende unserer Runde die Fahrräder abstellen und in einer der Kneipen am Ladeuzeplein auf ein Bier einkehren – das süppeln wir mit Blick auf die Universitätsbibliothek mit ihren tausenden Büchern.

Am Vormittag und bei trübem Wetter ist am Oude Markt noch nicht so viel los. Das kann sich aber schnell ändern.
© Meike Nordmeyer
Brüssel, Flämische Meister, Flandern, Kultur

Zum 450. Todestag von Pieter Bruegel d. Ä.

Wenn Engel fallen und Fische fliegen

von Kirsten Lehnert

Es klingt irgendwie komisch, wenn man sagt, dass man einen Todestag feiert. Sagen wir also lieber: wir begehen ihn. Oder wir würdigen den Mann, der am 9. September 1569 – also vor genau 450 Jahren – in Brüssel gestorben ist: Pieter Bruegel der Ältere, der flämische Meister, der mit seinen Bildern die Kunstwelt nachhaltig geprägt hat. Seit einigen Monaten berichten wir an dieser Stelle schon über die zahlreichen Ausstellungen und Aktionen anlässlich dieses Jubiläums. Aber es gibt immer noch Neues zu erleben und entdecken. Im Frühjahr habe ich Euch schon durch Brüssel geführt, wo der flämische Meister einen Großteil seines Lebens verbracht hat. Nun möchte ich diesen Rundgang fortsetzen und Euch noch ein paar Tipps für den Herbst geben.

Beyond Bruegel
Beyond Breugel, © Plein publiek

Eintauchen in Bruegels Welt

Von seinem großen Vorbild Hieronymus Bosch inspiriert hat Bruegel zeitlebens sehr detailreich gemalt. Um all die kleinen Bilder im Bild zu erkennen, muss man schon ganz genau hinsehen. Die Multimedia-Inszenierung „Beyond Bruegel“ kam mir da sehr entgegen. Hier kann man im wahrsten Sinne des Wortes in Bruegels Welt und seine Wimmelbilder eintauchen. Die Bilder werden in einer 360 Grad-Installation in gigantischer Auflösung großflächig an die Wände projiziert und animiert. So werden auch die kleinsten Details aus Bruegels Werk sichtbar. Da fallen die Engel herab, fliegen Kugelfische durch die Luft und über den Fußboden ergießen sich virtuelle Wellen. Wer immersive art noch nicht erlebt hat, kann sich hier auf ein ganz neues Kunst-Gefühl freuen. „Beyond Bruegel“ ist noch bis Januar 2020 im Dynastiegebäude auf dem Kunstberg zu sehen.

Durch das „Hallepoort“ in ein neues Bruegel Universum

Hallepoort

Ein weiteres virtuelles Tor ins Bruegel Universum öffnet sich am 19. Oktober im „Hallepoort“. Im mythenumwobenen Stadttor, das der berühmte Maler früher sicher häufig durchschritten hat, gibt die Ausstellung „Back to Bruegel“ spannende Einblicke ins 16. Jahrhundert. Dort werden auch Originalschätze aus der Neuen Welt, Musikinstrumente und wissenschaftliche Messgeräte präsentiert, wertvolle Leihgaben aus den Königlichen Museen für Kunst und Geschichte. Von Eurer Zeitreise könnt Ihr Euch in einem der gemütlichen Lokale am Fuße des Stadttores, etwa der Brasserie Bruegel, erholen. Zugegeben, anlässlich des Jubiläumsjahres „bruegelt“ es in Brüssel an fast jeder Ecke – zahlreiche Restaurants bieten „Bruegel-Menüs“ an, das traditionelle Sauerbier Lambic wird nun als „Bruegel-Bier“ angepriesen und in diversen Schaufernstern entdeckt man den großen Meister – aber dieses Lokal hieß  auch vor dem Jubiläumsjahr so.

Brasserie Brueghel

Aber zurück zum Künstler selbst. Dieser war, was Wenige wissen, weit mehr als der „Bauernbruegel“ mit seinen vielfarbigen Gemälden. Im Laufe seines Lebens gestaltete er ungefähr sechzig Drucke (als Grafiker war er also weit produktiver als als Maler): Es waren die Drucke, die seinen Weltruhm begründeten und Bruegel spielte eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der  Druckgrafik in Flandern, das sich Mitte des 16. Jahrhunderts zum internationalen Zentrum für die Herstellung von und den Handel mit Drucken entwickelte. Die Königlichen Bibliothek Brüssel ist im Besitz einer einzigartigen Sammlung von Bruegels Arbeiten auf Papier. Die schönsten Stücke werden nun exklusiv für die Sonderausstellung „Bruegels Welt in Schwarz und Weiß“ aus dem Lager geholt. Ihr könnt sie ab dem 15. Oktober in der Königlichen Bibliothek Brüssel sehen.

Die Bruegel Street Art Route

Street Art Bruegel Guitar Rue de la Rasière – Sistervatstraat
© visit.brussels, Jean-Paul Remy, 2019

Zwischen all diesen Museumsbesuchen empfehle ich euch, einfach mal durch die Straßen der Stadt zu schlendern. Wer die Augen offen hält und hochschaut, kann auch entdecken, wie der alte Meister noch heute junge Künstler inspiriert. Mein Tipp: folgt einfach der Bruegel-Street-Art-Route, die 14 ganz unterschiedliche Kunstwerke umfasst.

Ein Abstecher nach Antwerpen

Zum Schluss empfehle ich noch einen kurzen Abstecher nach Antwerpen. Hier lohnt es sich, der Tollen Grete einen Besuch abzustatten. Wer das ist, und was diese einfache Bäuerin mit einer Madonna zu tun hat, das verrate ich demnächst an dieser Stelle.

Flandern, Janett Schindler, Kultur

Tongeren – Auf Zeitreise in der ältesten Stadt Belgiens

von Janett Schindler

Als ich an einem Freitagabend auf einer breiten Landstraße nach Tongeren fahre, bin ich ein klein wenig überrascht. Das soll die älteste Stadt Belgiens sein? Auf den ersten Blick wirkt alles hier wie in jeder beliebigen belgischen Kleinstadt. Ein paar Baustellen, ein kleiner Bahnhof, ein paar nette Einfamilienhäuser mit Vorgärten und recht breite Straßen heißen mich für ein Wochenende willkommen. Doch wo versteckt sich Tongerens Geschichte?

Blick auf die Altstadt vom Moerenpoort, © Janett Schindler

Die Steine verraten die Geschichte.

Auf “Zeitreise” gehen wir im Stadtzentrum. Auf den ersten Blick ist Tongeren sein Alter jedoch nicht anzusehen. Dafür ist der Weg in die „Unterwelt“ unabdingbar. Mein erster Weg führt mich deshalb ins Teseum.

Das Teseum befindet sich etwas versteckt hinter der Liebfrauenbasilika. Eine Archäologische Fundstätte bildet gemeinsam mit der Schatzkammer sowie dem Kreuzgang und dem Klostergarten das Museumsprojekt Teseum.

© Janett Schindler

Wir starten mit unserem Rundgang im Keller. Über eine schmale Treppe gelange ich in die drei Meter tiefer liegenden Fundstätte. Kirchen und Stadtmauern – Kulturgeschichte und Leben aus Verschiedene Epochen finde ich hier. Nun ja – nicht wirklich – denn eigentlich sehe ich nur eine Ansammlung von 1000 Steinen. Schnell wird mir die Bedeutung der zahlreichen Steine klar. Spannend ist vor allem die Entwicklung der darüber liegenden Basilika und des Marktplatzes. Die verschiedenen Zeitepochen werden im Teseum auch sehr anschaulich virtuell dargestellt. So wird auch mir schnell bewusst was sich wo befindet und in welcher Epoche sich was wie verändert hat.

© Janett Schindler

Wir erleben die Veränderung der Stadt aus der römischen Zeit, bekommen veranschaulicht, wie die Kirche und das Kloster in der Zeit der Gotik das Stadtbild prägte und die Renaissance die Kirchenform verändert hat. Ich empfehle dieses Museum unbedingt mit einem Guide zu besuchen – denn hier gibt es vieles, was ihr nur zwischen den Steinen “entdecken” könnt.

Der Schatz von Tongeren

Die Kirche spielte in der ältesten Stadt Belgiens schon immer eine große Rolle. Schon als das Christentums in Mitteleuropa Einzug hielt, war Tongeren eine recht große Stadt. Welche Rolle die Kirche in Tongeren spielt und wie reich der Ort eigentlich war, wird mir klar, als ich in die Schatzkammer komme.

Eingang zur Schatzkammer im Teseum, © Janett Schindler

Zahlreiche Reliquien und Priestergewänder – eines prunkvoller als der andere – sind hier zu finden.

© Janett Schindler

Tongeren und die Römer

Die archäologische Ausgrabungsstätte hat mir jedoch viel mehr offenbart. Tongerens Stadtgrenzen führten schon 14 vor Christus um den Marktplatz herum. Hier hat alles mit den Römern angefangen. Hier wurde Aduatuca Tungrorum gegründet. Das will ich genauer wissen und begebe mich ins Gallo-Römisches Museum.

© Janett Schindler

Dafür muss ich nicht allzu weit laufen – es befindet sich gleich neben dem Teseum. Das Museum ist riesig – gut und gerne 3 Stunden habe ich hier verbracht. Wir starten nicht erst mit der Entstehung von Tongeren sondern viel viel früher. Eiszeit, Steinzeit, Neandertaler – es geht weit zurück in der Geschichte. Spannend die anschaulichen Filme zur Völkerwanderung von Afrika nach Europa.

© Janett Schindler

Und ebenso spannend etwas über Flora und Fauna und die starke Bewaldung Europas aus dieser Zeit zu erfahren. Erst in der zweiten und dritten Etage geht das Museum dann auch auf die Römer ein. Ein wenig schmunzeln muss ich bei einem Film – in dem niederländisch gesprochen wurde. Ich glaube – dass dies um 15 vor Christus noch keine gängige Weltsprache war. Es wird Zeit für einen kleinen Snack. Auf dem Marktplatz befinden sich zahlreiche Restaurants – perfekt für eine kleine Stärkung.

Die Liebfrauenbasilika

Nun bin ich natürlich neugierig und will auch die Basilika von Innen sehen. Wie in zahlreichen belgischen Kirchen gibt es auch hier eine Vielzahl von Kunstwerken zu bestaunen.

© Janett Schindler

In den nächsten Jahren ist sogar angedacht den Turm für die Öffentlichkeit begehbar zu machen – aber auch der erste Eindruck der Basilika zeigt die Macht und die Wandelbarkeit der Stadt

© Janett Schindler

Ein kleiner Tipp noch für alle “Nachtwandler” – die Fensterbilder der Basilika sind im Dunkeln beleuchtet und wirklich sehenswert!

© Janett Schindler

Aufs ins Mittelalter

Spuren aus dem Mittelalter lassen sich in Tongeren leider nur recht wenige finden. Schuld daran ist ein schweres Feuer, welches 1677 von französischen Gruppen gelegt wurde und bis auf den Beginenhof die ganze Stadt niederbrannte.

© Janett Schindler

Der Begijnhof kaufte sich damals für viel Geld “frei” – und rettete damit ein Stück Geschichte. In den Abendstunden ist ein Spaziergang vorbei an den alten Häusern mit den zahlreichen Rosenstöcken und Katzen nicht nur ein Blick in die Vergangenheit, sondern auch ein entspannter Ausklang des Tages.

© Janett Schindler

Einziger Nachteil? Das Begijnhof-Museum hat dann leider schon zu. Ich beschließe den Tag mit einem leckeren belgischen Bier – und freue mich auf die wohl bekannteste Attraktion, welche mich am Sonntagmorgen erwartet.

Tongeren ist bekannt für seinen Antikmarkt.

Seit Mitte der siebziger Jahre findet der Trödelmarkt jeden Sonntag bei Wind und Wetter statt. Alles „alte“ darf verkauft werden – und so finden sich hier Figuren aus dem 17ten Jahrhundert genauso wie Stühle aus den 90ern.

Antiktrödel Tongeren, © Janett Schindler

Bei knapp 140 Händlern hat man die Qual der Wahl und kann gut und gerne Stunden hier verbringen. Auch wenn ich diesmal nicht fündig wurde, die Auswahl beeindruckt mich.

1677 – Das Jahr des großen Stadtbrands

Das große Feuer von 1677 ist natürlich auch Thema einer spannenden Dauerausstellung. Die befindet sich im Moerenpoort – dem einzigen Stadttor, welches von der Stadtmauer des 13ten Jahrhunderts noch übrig ist.

© Janett Schindler

Die Ausstellung kann kostenlos täglich von 10 – 14 Uhr besucht werden. Im Anschluss lohnt sich übrigens ein Besuch auf dem Dach des Gebäudes. Von hier aus habt ihr einen tollen Blick auf die Altstadt von Tongeren und auf den Trödelmarkt!

© Janett Schindler

Mehr Informationen zu Tongeren: https://www.toerismetongeren.be/

Flandern, Gent, Jan-Kai Vermeulen, Kulinarik

Die Veggie Kapitale Europas

Selbst die Fritten sind von morgen – Gent ist heute schon die Stadt der Zukunft: grün, in der City autofrei und fleischarm

von Jan-Kai Vermeulen

Kaffeepause in der Veggie Stadt Gent. Diese Ruhe. Und das mitten in einer Viertelmillionenstadt. Vor meinem Tisch nur das Surren der zahllosen Fahrräder. Schon die elektrische Tram eine Kreuzung weiter wirkt wie Ruhestörung. Seit April 2018 ist die Innenstadt von Gent autofrei – ausgenommen Anwohner, Taxis und Anlieferer (bis 12 Uhr). Ein SUV aus Aachen taucht an der Kreuzung auf, verunsichert, drehend, – nix wie weg. Dahinter wieder zwei örtliche Elektroradkuriere – einer ist fast als Liegerad konstruiert, mit geschätzt einem Kubikmeter Aufbau hinten. DHL steht drauf. Da passen viele Pakete rein.

© Stad Gent – Dienst Toerisme

Ja, erzählt mir Katalin vom Tourismusbüro, es habe „jahrelang Kampf“ wegen der Sperrungen gegeben. Auch in Gent war da die panische Angst der Händler, dass niemand mehr käme ohne Motorbrumm. „Aber am schlimmsten waren die Busunternehmer von außerhalb.“ Jetzt parken sie etwas außerhalb der red zone, mit Shuttle, und: es geht. Stärkste Kraft im Rathaus sind die Grünen, die agierten sehr clever: Sie überließen den Bürgermeisterposten einem Liberalen und können dafür umso mehr an der Verkehrswende arbeiten.

© Stad Gent – Dienst Toerisme

Gent ist Grün

Gent ist sehr grün, innerstädtisch befreit von der Geißel Automobil und – möglichst vegetarisch. Schon 2009 startete die Kampagne „Donnerstag = Veggietag“, begleitet von kostenlosen Kochkursen und Infokampagnen vor allem für Kids. Weniger Fleisch essen heißt: Weniger Abholzung für Rinderzucht und den Anbau vom Futtersoja, weniger Gülle, weniger CO2. Donnerstags gibt es in allen Genter Kitas, Schulen, in den Mensen der großen Uni und auch in den Kantinen für die 6.000 Stadtbediensteten nur vegetarische Kost. Ohne dass man fleischgierige Klagen höre, versichert mir Katalin. Das EU-Umweltbüro spricht von Gent als der „Vegetarier-Hauptstadt Europas“.

Veggie-Fritten

© Stad Gent – Dienst Toerisme

Und womit könnte man Umdenken in Belgien ernsthafter demonstrieren als mit Fritten? Nämlich mit Veggie-Fritten. In Gent gibt es mehr als ein Dutzend Frittenbuden, wo mit Pflanzenfett gebrutzelt wird (wie bei uns) und nicht mit dem in Belgien üblichen Rinderfett.

De Frietketel, © Stad Gent – Dienst Toerisme

Auf ins Frietketel, also den Frittenkessel, vielfach hochgelobt von Kunden als „beste Bude von ganz Flandern“ mit „Fritten zum Seligwerden“. Was für eine riesige kleine Portion! Das Fett schmeckt elementar frisch, die Stäbchen haben die perfekte Konsistenz, innen schmatzigweich und drumherum tatsächlich so knackig wie angeblich nur in Rindertalg möglich. Dazu die berühmte belgische Stoofvlees-Sauce, hier natürlich vegetarisch, zwiebelig und gewürzereich, so köstlich wie mit Fleischgeschmack. Erst pappensatt sehe ich, dass es hier auch vegetarische Bitterballen gibt.

Überall Fahrradkarawanen. Und völlig lautlos schnurrt ein blauer Elektro-Minibus vorbei, acht Sitze, Hop On Hop Off steht dran. Der kleine Kerl heißt Wandelbus. Drei davon kreiseln durch die City (Mo-Sa 10-23 Uhr), eine Spende der Stadt. Die Fahrten sind gratis. HopOn: ich surre ein Stück mit. Gent ist auch verkehrlich veggie.

Genusswelt im Biobauernmarkt

„Willkommen in der Wunderwelt BEO“ lockt mich ein Schild in einen Hofeingang. Das BEO gleich bei der Sint-Niklaas-Kerk ist ein holzfreundlicher, lichtdurchfluteter Biobauernmarkt mit kleinem Snack-Restaurant, der „Versbar“, was nichts mit Reimen zu tun hat, sondern Frischebar heißt. Hier kriege ich auch satt gleich wieder Appetit.

Gegenüber gibt es die hauseigenen Veggie-Fritten in der Friterie Tartaar. Nein, sage ich, ich möchte keine noch so kleine Portion, nur ein oder zwei einzelne Fritten bitte, zum Testen, verkosten. Komischer Gast, denkt der Fritteusist sicher und reicht mir ein paar. Sie schmecken ähnlich gut wie bei Frietketel: etwas fettiger, aber auch noch eine Nuance knackiger.

Moor & Moor in Gent, © Stad Gent – Dienst Toerisme

Später geht es zu Moor & Moor einen veganen homemade Kuchen essen, der Kaffee ist fairtrade: von der Abakundakawa-Plantage in Ruanda. Auch in chicen Restaurants wie dem Pakhuis gibt es das fleischlose Menu, zumindest donnerstags, etwa den Veggie Lunch, diese Woche ist es ein Spargelrisotto. Der Zweisternetempel Vrijmoed offeriert ein tierfreies Siebengängemenu („pur Grün“) und wurde 2018 zum zweitbesten Gemüserestaurant der Welt gekürt (nach einem katalonischen). Umstritten ist, wer in Gent die besten Veggie-Burger macht.

Ich fantasiere mir die Tiere in Gent grundglücklich zusammen: ein jegliches Schwein grunzt zufrieden bis ins Alter vor sich hin, das Geflügel gackert fröhlich ohne Legestress und auch die leckersten Lämmer sind tabu für Menschenzähne. Naja – man kann dem Getier auch in Gent durchaus an Rippen und Schinken. Es gibt sogar die Kategorie „5 beste Steak-Restaurants in Gent“. Aber selbst bei Gilles, dem edlen Monstersteakbräter, kann man Veggie of the day ordern.

Dinner im La Botaniste

La Botaniste, © Stad Gent – Dienst Toerisme

Der Höhepunkt meines Ausfluges in die grüne Biostadt mit ihren über 40.000 Studierenden wird das Dinner im Restaurant Le Botaniste, einer ehemaligen Apotheke, die bis unter die Decke vollgestellt ist mit alten Heilmitteldosen und Vorratsgläsern für das Restaurant.

Starter ist eine große Frische-Bowl: Blattsalat, dazu Marokko-Karotten mit leichtem Minztouch, Seaweed-Tartar, Humuscreme, ein himmlisches Rosinen-Zwiebel-Chutney, giftgrün das zauberleckere Erbsenmus, gedämpfte Gemüsestreifen – und alles mit immer neuen Gewürzexplosionen. Das ist Kochkunst! Wie banal ein gegrilltes Stück noch so zartes Fleisch ist! Hauptgang: Tibetan Mama Kokos-Curry auf knackfestem Naturreis, dazu noch ein Glas Bio-Rosè. Leider reichen die Magenkapazitäten nicht mehr für Pasta Il Mafioso.

Und ebenfalls leider: Ausgerechnet die nette Bedienung im Botaniste schimpft über die Autoaussperrung. Denn dadurch, erzählt sie mir, fahren jetzt durch die angrenzende Straße ihrer Wohnung „mindestens doppelt so viele Autos wie vorher“. Pech gehabt. Aber das Borderline-Wohnen wird aufhören, da sind wir uns einig, sobald die Verbotszone für die stinkenden Krachmaschinen ausgeweitet wird. 2025, hatte Katalin gesagt, „wollen wir Ökostadt Europas werden“.

Flandern, Kultur, Küste

Die Belle Epoque an der flämischen Küste entdecken

von Meike Nordmeyer

Wer in De Haan mit der Straßenbahn ankommt, der wird gleich vom Flair der Belle Epoque begrüßt. Der flämische Küstenort ist von der Architektur dieses Zeitalters geprägt und verströmt damit einen ganz besonderen Charme. Der Bahnhof der Küstenstraßenbahn in De Haan stammt aus dem Jahr 1902. Gut erhalten und schön restauriert empfängt das Gebäude die Reisenden, die mit der Straßenbahn ankommen, auf die sie umgestiegen sind, nachdem sie entweder mit dem Zug in Blankenberge oder in Ostende angekommen sind.

Mit der Küstenstraßenbahn lässt es sich heute schnell und unkompliziert von einem Ort zum anderen an der 68 Kilometer langen flämischen Nordseeküste fahren. Schon 1885 wurde eine Dampfstraßenbahn an der Küste angelegt, zunächst von Middelkerke nach Ostende. 1886 folgte ergänzend die Linie von Ostende über De Haan nach Blankenberge. So wie einige Jahrzehnte zuvor die Anbindung durch eine Eisenbahnstrecke brachte auch der Bau der Straßenbahnlinie zu dieser Zeit einen enormen Entwicklungsschub für den aufkommenden Tourismus an der flämischen Küste.

Ein prächtiges Gebäude der Belle Epoque: Das Grand Hotel Belle Vue. Hier wohnte einst auch der Schriftsteller Stefan Zweig. Foto: Meike Nordmeyer

Stefan Zweig und Albert Einstein weilten in De Haan

Ich bin am Nachmittag mit der Straßenbahn in De Haan angekommen und laufe von dort aus zu meinem Hotel. Das Grand Hotel Belle Vue ist nur wenige Meter vom Bahnhof entfernt und ebenfalls ein prächtiges Bauwerk aus der Belle Epoque. Der Schriftsteller Stefan Zweig hat schon in diesem Hotel gewohnt und der Physiker Albert Einstein kam öfters dorthin und trank auf der Terrasse eine Tasse Tee. Das erzählt mir Guide Brigitte Hochs am nächsten Tag während einer Führung durch den Ort. Wir laufen gemeinsam zum Haus „Savoyarde“ an der Shakespearelaan, in dem Einstein im Jahr 1933 für sechs Monate als Gast wohnte. Die Erinnerung an diese Zeit ist sehr präsent geblieben in De Haan. Brigitte, die dort aufgewachsen ist, hat vor einiger Zeit noch ältere Bekannte von Begegnungen mit dem berühmten Physiker erzählen hören – wie man beispielsweise Musikabende besuchte, auf denen Einstein auf seiner Geige spielte. Außerdem kehrte der Physiker damals auch in das gehobene Restaurant „Coeur Volant“ ein, wo er den Maler James Ensor traf, der in Ostende lebte. Das Gebäude dieses Restaurants ist noch erhalten, wenn auch durch Umbau stark verändert. Eine Infotafel steht davor und zeigt ein Foto, auf dem das Treffen von Einstein, Ensor und anderen Herren zu sehen ist.

Im Haus „Savoyarde“ an der Shakespearelaan in De Haan lebte Albert Einstein im Sommer 1933 für sechs Monate. Foto: Meike Nordmeyer

Ich laufe gemeinsam mit Brigitte Hochs durch das historische Villenviertel „Concession“ und sie erzählt mir viel über die schönen, in der Dünenlandschaft gelegenen Gebäude. Sie macht mich auf die typischen Elemente der Villen aufmerksam: Erker, Türmchen, Balkone, Terrassen, häufig rot gedeckte Dächer, die sich stellenweise weit nach unten ziehen. Das Bauen in diesem Stil war seinerzeit vorgeschrieben für dieses Viertel und dabei waren nur wenige Etagen erlaubt. Die Grundstücke, auf denen die Villen stehen, weisen oftmals recht wellige Böden auf. Die Landschaft der Dünen wurde in den Gärten weitgehend so belassen. Eine akkurate Einebnung wäre bei dem sandigen Boden ohnehin nicht von Dauer gewesen. Und so wirkt das Viertel um so idyllischer und naturverbundener.

Die strenge Begrenzung auf nur wenige Stockwerke galt in De Haan auch noch in den 1970er Jahren und darüber hinaus. Das machte den Ort uninteressant für die Investoren und Baufirmen, die in dieser Zeit viele Neubauprojekte umsetzen wollten. So ist es in einer Broschüre über das architektonische Erbe von De Haan zu lesen, die von der Gemeindeverwaltung herausgegeben wurde. Auf diese Weise blieb De Haan von der unsanften Modernisierungswelle jener Zeit weitgehend verschont. Die Hochhaus-Manie, die in anderen Küstenorten in Flandern einsetzte, hatte dort keine Chance. Was für ein Glück für De Haan, denn so blieb ein großer Teil der historisch wertvollen und malerischen Architektur der Belle Epoque erhalten. Kaum zu glauben ist heute, dass dem Bahnhof der Straßenbahn noch 1977 der Abriss drohte. Doch die Gemeinde De Haan kaufte das Gebäude für einen symbolischen Franc und rettete ihn damit. Heute steht der Bahnhof unter Denkmalschutz und gilt gemeinsam mit den vielen historischen Villen als ein besonderes Schmuckstück der flämischen Küste.

Auch Blankenberge hat Belle Epoque zu bieten

Weniger bekannt ist, dass auch das nahe gelegene Blankenberge einige historische Schätze zu bieten hat. Das würde man zunächst nicht vermuten. Denn an der Promenade und auch in den dahinterliegenden Straßen reihen sich zahlreiche hochgeschossene Apartmenthäuser aus jüngeren Zeiten aneinander. Doch es gibt auch ein kleines Gebiet im Zentrum zu entdecken, – in der Nähe vom Casino, rund um die Sint-Rochuskerk – in dem einige Häuser aus der Zeit der Belle Epoque erhalten sind.

Schöne historische Fassaden zeigen sich an der Elisabethstraat in Blankenberge. Dort befindet sich das Belle Epoque Centrum, ein Museum das über diese Zeit an der flämischen Küste informiert. Foto: Meike Nordmeyer

Ich treffe mich mit Guide Margot Muir im Belle Epoque Centrum, einem kleinen, interessanten Museum, das zu diesem Thema in Blankenberge entstanden ist. Es ist in einem Häuserblock aus dieser Zeit untergebracht, und schon auf dem Weg dorthin kann ich einige schöne Fassaden bewundern. Das Museum vermittelt ein Bild dieser Epoche in Blankenberge und insgesamt an der flämischen Küste. Es zeigt, wie der Badetourismus dort im 19. Jahrhundert aufkam, als dort noch viele Fischer in armen Verhältnissen lebten und nun die reichen Leute an die Küste kamen, um die gesunde Meerluft zu genießen und zu baden, was damals eher bedeutete, ein wenig im seichten Meerwasser zu waten. Auch Schriftsteller und Wissenschaftler fanden sich ein, wie zum Beispiel Charles Darwin, Fjodor Dostojewski, Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud, auch darüber informiert das Museum. Historische Fotos und Werbeplakate, typische Kleider der Zeit, Möbel, Vasen, Geschirr und vieles mehr ist zu sehen. Ein Raum im Erdgeschoss konnte komplett originalgetreu eingerichtet werden. Darin lässt sich die Atmosphäre von einst nachspüren.

Im Belle Epoque Centrum in Blankenberge ist ein großer Raum originalgetreu wie einst eingerichtet worden. Foto: Meike Nordmeyer

Im Anschluss an den Museumsbesuch zeigt mir Margot noch einige historische Häuser in den Nachbarstraßen. Die Villa Olga an der Descampsstraat ist besonders beeindruckend. Die Fassade ist komplett mit Kacheln bedeckt, auf denen stellenweise geometrische Muster und zum überwiegenden Teil kunstvoll verschlungene Blumenranken dargestellt sind. An der Rogierlaan ist außerdem auf einer Seite noch ein ganzer Straßenzug von einst zu sehen. Die Häuser der gegenüberliegenden Seite hingegen sind verschwunden, sie mussten seinerzeit Neubauten weichen. Margot erinnert sich noch gut, wie schön und stimmig die Straße einst aussah und was mit dem Abriss alles verloren ging. Sie schüttelt immer wieder den Kopf, während sie davon spricht.

Ein anderes Bauwerk aus der Zeit ist aber erhalten geblieben in Blankenberge und darüber ist Margot besonders froh. Das ist der sogenannte Paravang (nach französisch Paravent) am Jachthafen. Es handelt sich um einen schmucken, langgestreckten Windschutz mit durchgehender Sitzbank, 1908 errichtet im neogotischen Stil. Der Paravang zog sich am damaligen Fischerhafen entlang. Dort konnten die vornehmen Urlauber sitzen und den einfachen Fischern bei ihrer Arbeit an den Booten und den Netzen zuschauen. Noch heute dient der Paravang vielen Passanten als Sitzgelegenheit für die spontane Rast oder als beliebter Treffpunkt. „Viele Mädchen aus Blankenberge haben dort ihren ersten Kuss bekommen“, verrät mir Margot. „Und ich auch! Das ist ein guter Ort dafür, denn ich bin jetzt schon 50 Jahre verheiratet“, erzählt sie fröhlich. Eins ist klar nach meinem Abstecher nach Blankenberge: Der Besuch dort ist eine lohnende Ergänzung, um die Belle Epoque an der flämischen Küste kennenzulernen. Mit der Küstenstraßenbahn lässt sich diese Tour von De Haan ganz einfach und bequem unternehmen – wie schon in alten Zeiten.  

In Blankenberge ist der Paravang erhalten geblieben, ein langgestreckter Windschutz mit Sitzbank aus dem Jahr 1908. Er dient auch heute noch als Ort zum Rasten und als beliebter Treffpunkt. Foto: Meike Nordmeyer
Flämische Meister, Flandern, Janett Schindler, Kultur

Mit Bruegel nach Bokrijk

von Janett Schindler

Ich liege auf dem Boden einer riesigen Scheune und schaue in einen Spiegel über mir. Als Teil eines sehr alten Gemäldes. Ich bin Teil von Pieter Bruegels „Der Kampf zwischen Karneval und Fasten“. Ein Bild aus dem Jahr 1559. Wie genau ich Teil dieses Bildes wurde und warum nicht nur Bruegel-Fans unbedingt nach Bokrijk reisen sollten – das erfahrt ihr hier!

Bokrijk – ein Freilichtmuseum

Die Domein Bokrijk ist ein ehemaliges Landgut mit einer bewegten Geschichte, die 1252 begann. Das Wort Bokrijk stammt vom Buscurake (Reich an Buchen). Ein Wald umgibt auch heute zu einem großen Teil das Gelände des Museums. Abtei, Bauernhof, Landgut – bis das Museum 1958 eröffnet wurde verging einige Zeit.

© Janett Schindler

Die Idee des Museums? Historische Gebäude aus Flandern langfristig zu erhalten. Insgesamt 140 historische Gebäude sind hier zu finden. Das älteste Haus stammt aus dem Jahre 1507.  Just aus jener Zeit also in der Pieter Bruegel als Künstler vor allem in und um Brüssel tätig war. Anlässlich des Bruegel-Jahres 2019 widmet sich das Freiluftmuseum dem Künstler auf 11 Stationen.

Die 11 Stationen der “World of Bruegel”

Am Eingang werden wir von Jaak Meyssen erwartet.  Mit “Willkommen in Bokrijk!” begrüßt er uns in einem recht guten Deutsch. Schon im Eingangsbereich fallen mir die die roten Markierungen im Park auf. “Dies ist der Bruegelparcour!” berichtet Jaak. Insgesamt 11 Häuser und/oder Orte beziehen sich auf die Kunst und das Leben von Bruegel.

© Janett Schindler

Im Infocenter erhalte ich ein “Narrenarmband”. Mit einem virtuellen “Hut”, der sich auf meinem Band befindet, kann ich auf Schatzsuche gehen und unterwegs Objekte digital sammeln – die zum “Der Kampf zwischen Karneval und Fasten” – Kunstwerk passen. Auf dem Armband können zudem Bilder gespeichert und die Tour später noch einmal erlebt werden.

Auch wenn “The World of Bruegel” in Bokrijk nur bis zum 20.10.2019 läuft – Bruegel findet hier immer statt. Ein großer Teil des Freiluftmuseums ist stark vom Renaissance-Künstler beeinflusst. Josef Weyns, der erste Kurator von Bokrijk hat sich bei der Konzeption des Parks stark von den Bildern von Bruegel dem Älteren inspirieren lassen.

© Janett Schindler

Vor allem in den Museumsteilen Haspengau und auch in Ost- und Westflandern erkennen Kunstbegeisterte sehr häufig Ähnlichkeiten.

Wir gehen auf Entdeckungsreise – und ich verweile etwas länger in der Scheune Lommel-Kattenbos. Hier zeigt sich wie talentiert Pieter Bruegel der Ältere in Landschaftsmalerei war. In der Gemäldeserie von 1565 zeichnet Bruegel die Monate auf. Ein Gemälde fehlt und wurde bisher nie gefunden – dies wurde vom belgischen Künstler Frits Jeuris gemalt und passt perfekt in die Bruegel-Serie. Oder erkennt ihr den Unterschied?

Die Jäger im Schnee, Die Heimkehr der Herde, Die Kornernte, die Heuernte und der Düstere Tag sind als Kopie in Bokrijk zu finden. Das Frühlingsbild wurde von Frits Jeuris gemalt.
© Janett Schindler

An der Spielscheune laufen wir vorbei und begeben uns zum Bruegel-Hof Vorselaar. Dieser entspricht übrigens dem “Bruegel-Hof” aus Pieter Bruegels Werken recht gut. In der Küche des Hofes, die dem Leben im 16ten Jahrhundert nachempfunden ist, entdecke ich die beiden Bruegel Kunstwerke “Die Magere Küche und die Fette Küche”. Wie passend! An einem Tisch möchte ich gerne basteln. Jaak schaut auf die Uhr. Wir haben noch einiges mehr zu entdecken!

Vorbei an der Windmühle entdecke ich auch die Landwirtschaft. Kühe und Schafe weiden, es wird Gemüse und Hanf angebaut und mich würde es gerade nicht wundern wenn plötzlich auch noch ein paar Enten den Weg kreuzen würden.

Die Windmühle ist besonders – sie lässt sich mit dem Wind drehen. Apropos Mühle – aufgrund seines Namens wird bis heute vermutet dass Bruegel aus Brogel stammt und dort vielleicht in einer Mühle aufgewachsen ist. Die Ölmühle Ellikom ist dieser Zeit nachempfunden.

© Janett Schindler

Wir gehen an einer Kreuzung vorbei durch einen Wald und hören von Jaak Meysen die Geschichte von Bruegels Wildem Mann. Die Hütte des wilden Mannes könnt ihr übrigens auch in Bokrijk besuchen. Ich hab mich nicht getraut!

© Janett Schindler

Am Platz der Sinne befindet sich eine Tribüne. Ab Mitte Juli bis Anfang September könnt ihr euch hier täglich zwischen 11 und 14 Uhr von Künstlern in eine Brugel-Welt entführen lassen. Was die Sinne angeht – dort gibt es auch eine leckere Paradieswaffel zu probieren. Die hat jedoch mit der heute bekannten belgischen Waffel so gar nichts gemeinsam. Unbedingt probieren!

Paradieswaffel (von Zutaten aus dem 16ten Jahrhundert inspiriert), © Janett Schindler

Inzwischen sind wir am Ende unserer Tour angekommen – der Scheune von Zuienkerke.  Die Scheune aus dem 16ten Jahrhundert ist riesig. Ich bin an diesem Tag fast allein in der Scheune und komme aus dem Staunen nicht heraus.

© Janett Schindler

Das Gemälde “Der Kampf zwischen Karneval und Fasten” wird im inneren der Scheune gespiegelt – was jedoch noch viel cooler ist – es gibt die Möglichkeit sich durch diese Spiegelung selbst in das Bild hinein zu beamen. In dieser Größe werden mir so einige Details des Kunstwerkes erst bewusst – Gestiken, Mimiken und besondere Figuren. Die Details, die rund um das Gemälde zu finden sind, sehe ich erst auf den zweiten Blick und auch die virtuellen Spiegel sind für alle “Hut-Sammler” recht spannend. Ein tolles Finale einer spannenden Tour!

Habt ihr Hunger? Essen wie im 16ten Jahrhundert

Jaak bringt uns wieder zurück ins Zentrum von Bokrijk. “Habt ihr Hunger?” fragt er uns. Und ja. So viel Kultur und Kunst macht hungrig. Im “In St. Gummarus” werden wir schon erwartet. Auf Empfehlung probiere ich einen “Wilden Mann” – ein Dunkelbier.

© Janett Schindler

Ziemlich stark! Unser Tisch (romantisch am Kamin) füllt sich kurze Zeit später mit dem “Bruegel-Menü”. Pommes, Gulasch, Apfelmus, Hackbällchen, Krautsalat – wir sind froh nur eine Portion geordert zu haben. Zum Nachtisch gibts eine Paradieswaffel – jetzt fehlt eigentlich nur noch ein Platz für das Mittagsnickerchen!

Ein Kreativprogramm zum Abschluss.

Mit dem Schlaf nach dem Essen wird es nichts – denn wir haben an diesem frühen Nachmittag noch zwei Termine. Brot backen und Töpfern. Das sind übrigens nicht die einzigen Kreativkurse die in Bokrijk angeboten werden.

Im Bruegel-Jahr gibt es einen Workshop zum Thema “Hüte” – wir jedoch probieren uns am Brot und am Ton. Zuerst gestalten wir ein Brot – der Teig wurde schon vorbereitet.

© Janett Schindler

Nach gut 10 Minuten waren meine Figuren fertig – und landeten im Ofen und ich machte mich auf zum Töpfern. Spannend – dies auch mal auszuprobieren!

© Janett Schindler
  • Mehr über die Ausstellung: https://www.dewereldvanbruegel.be/de/
  • Der Eintritt in das Freiluftmuseum kostet 12,50 Euro für Erwachsene, Kinder bis 12 Jahre zahlen 2 Euro. Der Parkplatz schlägt mit 5 Euro zu Buche.
  • Das Museum ist geöffnet von April bis Ende Oktober – Dienstag bis Sonntag von 10 – 18 Uhr.
  • Kreativkurse und auch das Essen sollten vorbestellt werden
  • Führungen sind möglich ab 5,50 Euro pro Person.
Flämische Meister, Flandern, Jan-Kai Vermeulen, Kultur, Neu auf dem Flandern-Blog

In Situ: Kleine Städte, große Meister

Eine Rundreise zu Leonardo da Vinci, Rubens, van Eyck und zu Gretel ohne Hänsel

von Jan-Kai Vermeulen

Ivo Cleiren wartet vor einem mächtigen Holztor in der riesigen Abtei von Tongerlo auf mich. Nein, er sei kein Mönch, sein langes weißes Gewand sei die Kleidung der Norbertiner, eine Priestergemeinschaft des Augustiner-Ordens. Der überaus freundliche 70-Jährige, der hier seit 50 Jahren lebt, ist der Kurator des Abdij-Museums und will mir das Geheimnis von Leonardo da Vinci in seiner Abtei erklären. „Kommen Sie mit.“ Ich folge in ein Labyrinth von Gängen.

Das Projekt „In Situ“

Fünf von 45 Orten werde ich besuchen, die zum Projekt In Situ gehören. In Situ heißt Vor Ort; die Bilder von großen flämischen Meistern finden sich meist in abgelegenen Städtchen und Dörfern – immer an ihrem angestammten Ort in Kapellen, Klöstern, Beginenhöfen oder Schlössern, von Maaseik im Osten bis Veurne nahe der Küste.

Van loon Visitation, Flemish Masters in Situ

In der Basilika von Scherpenheuvel dreht sich alles um die Gottesmutter. „Welkom bij Maria“ steht groß in Weiß auf leuchtendem Lichtblau über dem Eingang der achteckigen Pilgerkirche. Sieben Werke von Theodoor van Loon sind zu sehen, das wichtigste, „Mariä Himmelfahrt“, hängt hinter dem Altar. Gerade läuft eine Messe, es ist brechend voll. Kaum ist die Messe beendet, wird in situ die nächste gestartet. Weltliches Kunstinteresse muss warten.

Gut, dass die sechs anderen Bilder ringsherum in Chorecken platziert sind. Da kann ich zum kräftigen Gesang der Priester reichlich schriftliche Erklärungen aufsaugen. Zum Beispiel: „Sehen Sie, was für ein schönes Baby Maria ist! Die Engel tollen freudig herum.“ Und dann Marias Lebensweg verfolgen: immer im lichtblauen Gewand.

Spannende Einblicke in neue „Ausstellungsräume“

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Brügge, Flandern, Janett Schindler, Kultur

Das Gruuthusemuseum – in drei Jahrhunderten durch Brügge

Blick auf das Gruuthusemuseum und die Kathedrale

von Janett Schindler

Brügge bietet viele spannende Orte, die es zu entdecken gilt. Mehr als 30 Kirchen (rund die Hälfte davon in der Altstadt), zahlreiche Museen, Kunstausstellungen und beeindruckende Plätze verführen so manchen Touristen zum Verweilen. Nicht erst „Brügge sehen und sterben“ hat zahlreiche Gäste in die Stadt in Flandern gelockt. Die Kombination zwischen schmucken alten Häusern und ansehnlichen Grachten ist einfach sehenswert.

Seit Mai 2019 hat Brügge ein weiteres Highlight.

Zentral gelegen könnt ihr eine Zeitreise in das Mittelalter von Brügge erleben. Das Gruuthusemuseum – das kann ich vorab schon verraten – lässt nicht nur Kunstfans und Zeitreisende wie mich begeistert zurück.

Blick aus dem Gruuthuse Museum, © Janett Schindler

Rund 5 Jahre war das Gruuthusemuseum geschlossen, rund 9 Millionen wurden für die Neugestaltung investiert und eine ganze Woche wurde im Mai die Wiedereröffnung des Stadtpalais der Familie Gruuthuse gefeiert.

Reisen wir zurück in die Zeit.

1425 war es, als Johann IV von Gruuthuse mit dem Bau eines Herrenhauses am Dijverkanal begann. Die Familie Gruuthuse verdiente ihr Geld mit Grut (Eine Art Kräutermischung). Das Grut war im Mittelalter Bestandteil des Bieres. Selbiges wurde von jedermann getrunken – demzufolge hatte die Familie viel Geld und somit auch viel Einfluss im Burgundischen Brügge.

Map of Bruges, 1546 – 1600, Anonymous master, Bild © Janett Schindler

Selbst nachdem Grut nicht mehr genutzt wurde durfte die Familie Steuern auf Bier erheben. So kommt es auch, dass über mehrere Jahrhunderte wertvolle Kunstwerke, Wandteppiche und Zeitdokumente durch die Familie gesammelt wurden. Als Museum fungiert das Stadtpalais seit 1888. Die letzte umfangreiche Restauration fand in den letzten Jahren statt – ich finde – es hat sich gelohnt!

Besucht mit mir das Gruuthusemuseum!

Auf dem Hof des Gruuthusemuseum stoßen Gegenwart und Vergangenheit aufeinander. Der modern wirkende Ticketshop ist für alle Besucher der erste Anlaufpunkt.

Gruuthusemuseum, © Janett Schindler

Erst von dort geht es mit einem Audioguide durch eine liebevoll verzierte Eingangstür. Der “Lockerroom” war früher einmal der Raum für die Guillotine – heute jedoch passiert hier keinem Gast etwas.

Lockerroom im Gruthuusemuseum, © Janett Schindler

Von dort aus werden wir in drei Zeitepochen in das Leben der Familie Gruuthuse hineingezogen. Gut besucht ist das Museum – Mehrsprachig in Wort und Schrift ist es jedoch nicht nur für Einheimische spannend. Ich bin sehr begeistert von den prunkvoll verzierten offenen Kaminen und den wunderschön bemalten Decken.

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